Die Zerstörung der Burg
Geschrieben von: Administrator   
Freitag, 31. Oktober 2008 um 21:48

In der 1676 in Nürnberg erschienenen Chronik "Das Seelzagende Elsass" erzählt Balthasar Han, dass der Fleckenstein 1674 von französischen Truppen unter dem Befehl des Marquis de Vaubrun eingenommen und zerstört worden wäre. Auf dem Schloss hätten sich nur 14 Bauern und der Intendant befunden, welche durch die Drohung aufgehängt zu werden, eingeschüchtert, die Burgtore geöffnet hätten, worauf das Schloss ausgeplündert worden wäre.

Diese Version wurde bis 1886 als geschichtliche Tatsache angesehen. Doch dann bewies der elsässische Lokalhistoriker und Musikologe, Pfarrer F.A. Ihme aus Bärenthal, dass die Zerstörung nicht im Jahre 1674 stattgefunden haben konnte, denn laut den Kirchenbüchern von Lernbach fanden in den Jahren 1674 bis 1680 in der Schlosskapelle 6 Heiraten und 18 Taufen statt, die durch den damaligen Pfarrer Steinmetz von Lernbach vollzogen worden waren. Ihme folgerte daraus richtig, dass die Zerstörung der Burg erst nach 1680 erfolgt sein konnte.
Zwischen der Darstellung des zeitgenössischen Chronisten und den Feststellungen des Historikers scheint demnach ein Widerspruch zu bestehen, der bis heute noch nicht restlos geklärt wurde. Und doch kann man, wie ich es nachfolgend beweisen möchte, in diesem Falle nicht von einem eigentlichen Widerspruch reden, wenn man die Ereignisse des Jahres 1674 genau in ihrer zeitlichen Folge festlegt.



Die Expedition des Marquis de Vaubrun auf den Fleckenstein erfolgte im Februar, also zu einem Zeitpunkt, da der Besitzer des Schlosses, Friedrich Wolfgang, Marschall der französischen Armeen noch am Leben war. Es ist demnach undenkbar, dass französische Truppen den Fleckenstein, der einem ihrer höchsten Generale gehörte, geplündert oder gar zerstört hätten. Wohl aber ist es sehr wahrscheinlich, dass sich die Truppen des Marquis de Vaubrun bei einem Durchzug auf das Schloss begaben und sich dort die Vorratskammern öffnen ließen.

Was war nun eigentlich damals geschehen ?
In jenen von Kriegslärm erfüllten Zeiten bildeten sich namentlich in schwer zugänglichen waldigen Gebirgsgegenden Partisanengruppen, die unter Führung von Abenteurern Krieg auf eigene Faust führten, alleinstehende Gehöfte und kleinere Dörfer überfielen und ausplünderten, sich aber dann und wann auch an Proviant und Munitionskolonnen der regulären Truppen wagten.
Eine solche Bande machte unter der Führung des aus Lembach gebürtigen und mit der Tochter des Glasmeisters von Mattstall verheirateten, desertierten Leutnants Heinrich Kühling die Nordvogesen unsicher. Zu Beginn des Jahres 1674 hatte Kühling bei einer "Überach" genannten Gemarkung eine durchziehende französische Kolonne überfallen und sich zu seinen Verwandten nach Lembach geflüchtet. Marquis de Vaubrun konnte diese Untat nicht ungestraft lassen und befahl eine Strafexpedition gegen deren Urheber. Jedoch als die Truppen nach Lernbach kamen, hatte Kühling bereits die Flucht ergriffen, worauf die Soldaten zur Strafe Lembach brandschatzten. Kühling aber konnte sein Unwesen noch bis 1697 fortsetzen. Er fand den Tod in einem Gefecht gegen eine rivalisierende Partisanenbande bei Anweiler. Der Pfarrer fügte dem Sterbeeintrag noch folgende lapidare Bemerkung bei: "Wie gelebt, so gestorben ".

Es ist also höchst wahrscheinlich, dass sich die französischen Soldaten nach dieser Strafenexpedition auf den Fleckenstein begaben, um sich dort für ihren weiteren Marsch zu verproviantieren. Das Schloss hatte damals noch keine Garnison und die dort befindlichen Bauern konnten sehr gut Flüchtlinge aus dem brennenden Lembach gewesen sein. Dass die Soldaten nicht gerade zimperlich in die Vorräte gegriffen hatten, liegt auf der Hand, und dass der hier für verantwortliche Intendant später von einer Plünderung redete, ist auch verständlich, denn bezahlt wurde damals nichts. Sicher ist jedoch, dass die französischen Truppen wieder abzogen, ohne dass das Schloss in Mitleidenschaft gezogen worden wäre.


 

Um solchen missliebigen Vorfällen vorzubeugen und auch in Anbetracht der steigenden Unsicherheit jener Jahre, beschloss der Nachfolger von Friedrich Wolfgang, der Baron Heinrich Jakob, eine kleine Garnison auf den Fleckenstein zu legen, um das Schloss gegen etwaige Überfälle zu schützen und den flüchtenden Untertanen Schirm zu gewähren. Diese machten von dieser Gelegenheit öfters Gebrauch, wie die Eintragungen in den Pfarregistern von Lembach von Taufen und Hochzeiten in der Schlosskapelle des Fleckensteins es beweisen. Aus diesen Registern erfahren wir auch die Namen der damaligen Schlosskommandanten: Leutnant Christoph von der Lieth, Leutnant Carolus Büttner und Fähnerich Caspar von Ponikau.
Bis 1680 konnte der Fleckenstein seine Rolle als Zufluchtsburg spielen, bis auch er im Zuge der großen Politik Ludwigs XIV. auf dessen Befehl hin mit zahlreichen andern Burgen der Nordvogesen zerstört wurde, um den Feinden keine Gelegenheit zu geben, sich dort festzusetzen.
Seit diesem verhängnisvollen Jahr 1680 ist der Fleckenstein Ruine geblieben.
 

Aktualisiert ( Montag, 21. September 2009 um 06:17 )
 

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